Eine verträumte Insel weit draußen im Meer. Helle Sandstrände, schroffe Felsküsten, Weiden, Wiesen und Wälder. Ab und zu ein kleines Dorf, hier und da ein Bauernhof. Gotland strahlt Ruhe aus. Doch die Idylle scheint zu trügen. Grausame Morde geschehen regelmäßig auf der schwedischen Ostseeinsel. Renommierte Kommissare und Journalisten streifen rastlos über das schöne Eiland, verzweifelt darum bemüht, die Bevölkerung zu schützen und die Verbrecher hinter Gitter zu bringen.
„Gotland ist abgeschnitten vom Rest der Welt, das Gefühl der Isolation und Begrenztheit entsteht hier leichter – die Insel ist deshalb für mich das perfekte Krimimillieu“, erklärt Schriftstellerin Mari Jungstedt die Wahl für den Schauplatz ihrer Romane. Die Schwedin, die eigentlich in Stockholm lebt, ist begeisterte Gotland-Urlauberin und verbringt hier jedes Jahr mit ihrer Familie viele Wochen in ihrem Haus. Natürlich nutzt sie die Aufenthalte auch, um neuen Stoff und neue Schauplätze für die Fälle ihres Helden Anders Knutas zu finden. Drei ihrer fünf Krimis sind bereits ins Deutsche übersetzt worden und haben ihr eine neue große Fangemeinde beschert.
Doch nicht nur Jungstedts Kommissar geht auf Gotland auf Verbrecherjagd, auch Autorin Annika Bryn schickt ihre Protagonistin, die Polizistin Margareta Davidsson, in „Rabennächte“ auf das Eiland vor der schwedischen Küste. Eigentlich soll sich die Kommissarin in dem kleinen Dorf Buttle, das in der Mitte der Insel liegt, erholen. Aber es kommt natürlich ein Mordfall dazwischen. „Als ich vor einigen Jahren Freunde in Buttle besucht habe, machte ich einen frühen Morgenspaziergang“, erzählt Annika Bryn. „Ich verliebte mich augenblicklich in den kleinen beschaulichen Ort und mir war sofort klar, dass ich in der wunderschönen, friedlichen Umgebung einen Thriller stattfinden lassen würde.“ Ist es also gerade die Idylle der Insel, die den Schriftstellerinnen die Mordgeschichten entlockt?
„Nicht nur die unberührte Natur, auch das historische Gotland spricht mich an“, erklärt Mari Jungstedt. „Die Stadt Visby, die von einer Stadtmauer aus dem 13. Jahrhundert umringt wird, die Ruinen mitten in der Stadt, die mittelalterlichen Häuser – all das regt meine Fantasie an.“ Oft lässt sie Kommissar Knutas deshalb durch Visby streifen und webt geschichtliche Fakten in ihre Erzählungen ein.
Von der Hauptstadt der Insel ähnlich begeistert ist auch Anna Jansson, eine weitere schwedische Krimiautorin, deren Bücher in Deutschland sehr beliebt sind: „Was mich an Gotland am meisten fasziniert, sind nicht nur Meer, Strände und Licht“, erklärt die gebürtige Gotländerin. “Es ist auch die Historie der riesigen Mauer, die Visby umgibt und die Geschichte der vielen alten Kirchen.“ In ihrem Kriminalroman „Tod im Jungfernturm“ verarbeitet Anna Jansson die gotländische Sage über eine Jungfrau, die im 14. Jahrhundert angeblich in einem der Türme eingemauert wurde, weil sie dem dänischen König Atterdag geholfen hatte, in die Stadt zu gelangen. „Wenn das Wetter sehr rau ist und die Wellen an die Küste branden, kann man die Schreie der Jungfrau aus ihrem dunklen Verlies auch manchmal heute noch hören“, verrät Jansson den Anstoß zu ihrer Buchidee. „Und wer weiß“, fügt sie hinzu, „vielleicht liegt ja sogar der Schatz, den die Dänen damals gestohlen haben, noch irgendwo in dem Fischerdörfchen Kronwall bei Eksta vergraben.“ Vielerorts auf Gotland ist die spannende Historie eng mit Sagen und Märchen verknüpft, anhand derer die Bewohner der Insel die geschichtlichen Ereignisse um die vielen Kriege, Eroberungen und Machtwechsel weitererzählten – eine wahre Fundgrube an Ideen für diejenigen, die selbst gern Geschichten schreiben.
Auch der schwedische Bestsellerautor Hakan Nesser, der mit den Romanen um Kommissar Van Veeteren auf dem deutschen Krimi-Markt für Aufsehen sorgte, weist eine starke Affinität zu Gotland auf: Erst kürzlich hat er sich ein Ferienhaus in Furillen im Nordosten der Insel gebaut. Obwohl Nesser beteuert, die Kulisse seiner Romane sei fiktiv, beschloss das schwedische Fernsehen, sechs seiner Krimis auf der Insel filmisch in Szene zu setzten. So geschehen übrigens auch mit den Büchern von Mari Jungstedt. Das ZDF produzierte „Der Kommissar und das Meer“ mit Walter Sittler ebenfalls auf Gotland.
Die rätselhaften Mordfälle auf dem schönen Ostsee-Eiland sind also allesamt der Fantasie schwedischer Krimi-Autoren entsprungen und brauchen die Urlaubsgäste nicht zu schrecken. Die in den Büchern beschriebene Kulisse dagegen ist echt: Riesige gotländische Bildsteine mit Ornamenten und Figuren, Münzen und Schmuck aus der Wikingerzeit, alte Ruinen und Kirchen aus verschiedenen Epochen – all das wurde auf Gotland entdeckt oder mühevoll von Archäologen ausgegraben und ist bei einem Besuch auf der Insel überall zu wiederzufinden: in der Landschaft, im Museum in Visby und in den Sagen, die von den Einheimischen gern erzählt werden.
Kein Wunder also, dass Gotland die Fantasie beflügelt und den Alltag schnell vergessen lässt: Natur und Geschichte zeigen sich in einer faszinierenden Mischung. Und wer auch die kriminalistische Seite der Insel kennen lernen will, kann dies ganz gefahrlos tun: Zum Beispiel am Strand in der Sonne mit einem dicken Buch in der Hand…
von Nicola Lück
Viel Vergnügen! Übrigens….. manchmal soll man gar nichts planen und einfach nur genießen.
Bis dato ins Deutsche übersetzte Gotland-Krimis:
„Näher als du denkst“
„Den du nicht siehst“
„An einem einsamen Ort“
„Rabennächte“
„Tod im Jungfernturm“
„Das Geheimnis der toten Vögel“
